Zukunft Schweizer Bankenregulierung richtig eingeordnet…

Der SNB-Vizepräsident Jean-Pierre Danthine sprach am 11. Oktober in Lugano über die Fortschritte in der Implementierung makroprudentieller Massnahmen. Danthine’s Bericht bestätigt den schon beschriebenen Trend der Bankenregulierung 2.0: Die Verwantwortung der Banken für ihre Aktivseite der Bilanz (für was genau sie Kaufkraft schaffen und wem sie es geben) wird immer mehr in den Hintergrund treten. Dafür wird eine “comply-“Kultur Einzug halten: Ein Geschäftsverhalten, dass sich darauf konzentriert, alle Regeln einzuhalten aber auch jeden Kredit zu geben so lange es die Regulierung erlaubt. Profite sind bestmöglich durch arbitragieren von Lücken in der Regulierung und vor allem durch Vorraussicht der Änderungen im Regulierungskörper zu maximieren.  Schauen wir uns Danthines Rede anhand von Zitaten genauer an (Hervorhebungen durch mich):

The cyclical dimension of systemic risk captures the procyclicality of financial agents’ behaviour which, if left unchecked, can amplify the financial cycle and increase its instability – a classical collective action problem. (S.1)

Prozyklisches Verhalten ist nur dann eine Gefahr und möglich, wenn “irgendwie” das Bankensystem als Ganzes im “Gleichschritt” die Bilanzen ausdeht (Schumpeter, 2008 / [~1930], S. 192).  Die neugeschaffenen Kredite sind nämlich gleichzeitig auch Guthaben welche sich im Gesamtbankensystem verteilen und dort die Bilanzen gesunden lassen. So stossen die Banken gemeinsam einen inflationären Prozess (im Wortsinn gemeint: Aufblähung der Bankenbilanzen) an, ohne, dass dieser gefährlich erscheint, da gleichzeitig dazu die Vermögenswerte mitsteigen (“Asset-Bubble”)! Darum kann es lange dauern, bis die Übertreibung erkannt wird oder letztendlich durch Liquiditätsvorschriften gestoppt wird (oder durch einen anderen externen Mechanismus, die sog. “Kreditkontrolle”).

Nun ist dieser Prozess eben nicht möglich in einem Bankensystem, dass aus vielen kleinen Banken besteht. Dort fliesst jede Kaufkraft die geschöpft wird zu den Konkurrenzbanken ab und die kleine Bank sitzt selbst auf dem Ausfallrisiko. Die Regeln das Markets (Anreize) schützen dann die Gesellschaft vor übermässiger Kaufkraftschöpfung der Banken. Erst wenn “alle kleinen” Banken dasselbe tun oder es nur eine Hand voll grosse Banken gibt, funktioniert ein gleichgerichtetes Handeln. “Prozyklisches” Verhalten hängt von der Gegebenheit von mindestens einer der folgenden Eigenschaften des Kreditschöpfungvorgangs ab:

  1. Die Banken benutzten alle dieselben Indikatoren um Ihre Kreditpolitik zu bestimmen (“Verabredung durch Übung”) oder
  2. Die Banken sind organisiert und können das Vorgehen  bewusst absprechen.

Es braucht natürlich keinen Ökonomie-Abschluss um zu erkennen, dass heute beides gegeben ist.

  1. Ist gegeben durch die immer gleiche Art über wirtschaftliche Zusammenhänge zu denken der involvierten Entscheidungsträger und Researcher in Notenbanken und Geschäftsbanken. Uni’s vermitteln dasselbe Wissen zu ökonomischen Zusammenhängen (und Finance und Buchhaltung) überall auf der Welt. Einmal ausgebildet bleibt die nähe des Denkes bewahrt, da wenige Koryphäen und Insitutionen definitionsmächtig sind (amerikanische Uni’s, einzelne Ökonomieprofessoren, FED, IMF, “Wallstreet / City of London”, etc.). Noch viel deutlicher erkennbarer ist aber die zweite Annahme sichtbar…
  2. …ist durch die reine Existenz der Notenbanken schon bewiesen. Schumpeter schreibt durchgehend vom “Bankenkartell” und diskutiert mögliche, verheerende Fehlanreize. “Es gehört metaphysischer Glaube an freie Konkurrenz und völliges Verkennen des Wesens des Bankgeschäfts dazu, um sich diesem Zeugnis der Tatsachen zu entziehen.”, schrieb er schon vor 80 Jahren dazu (2008, S.160)
    Viele (vor allem Ökonomen) vergessen dies: Das Bankensystem ist ein von der Verfassung geschütztes Kartell, angeführt von der Notenbank die durch ihre Zinsentscheidungen das prozyklische Verhalten aller Geschäftsbanken sicherstellt. Wenn man z.B. das Doppelmandat der FED anschaut (Arbeitslosigkeit und Geldwert zu stabilisieren) ist es sogar dessen Auftrag durch prozyklisches Verhalten der Geschäftsbanken dies zu erreichen.

Solange es die SNB gibt, wird es das von Danthine beschriebene “collective action problem” (prozyklisches Verhalten wird belohnt) auch geben. Ob Danthine auch an seine SNB gedacht hat bei diesem Satz?  Ansonsten hätte ich noch ein paar kreative Ideen dieses Problem ernsthaft zu bekämpfen: Verschiedene Zinssätze für Geschäftsbanken? Virtuelle Wechselkurse für jede Geschäftsbank die dann als operative Ziele gebraucht werden können?

(PS: An alle Anhänger von Free-Banking. An a) beisst man sich diese Lösung des collective-action-problem die Zähne aus.)

Weiter gehts mit Basel III:

Second, it introduces a countercyclical buffer [. . .]. This buffer can be temporarily imposed when credit growth is judged excessive. (S. 1f)

Der antizyklische Buffer wird von den Regulatoren angerufen. Ausdruck des in der Einleitung geschriebenen Trendes die Geschäftsbanken aus der Verantwortung für ihre Bilanz zu nehmen. Und nicht vergessen: Wir hoffen nun auf die Weisheit der Regulatoren, den Zeitpunkt besser als die Geschäftsbanken erkennen zu können und was unternehmen zu wollen.

Zur Schweizer Lösung:

The organisational measures require banks to show convincingly – on the basis of «emergency plans» – that they are organised in such a way as to be able to maintain systemically important functions in the event of a crisis, thus reducing the need for a public bail-out. If they are not able to do so, the regulator, FINMA, may impose organisational measures. (S. 2f)

dito.

FINMA has been authorised, since November 2012, to order a bail-in of creditors to generate the financial means necessary for restructuring a bank. (S. 4)

Alle Möglichkeiten sind auf dem Tisch. Auch ein bail-in.

[. . .] we cannot yet exclude the need for a public bail-out in a possible future crisis.

“Wir können weitere Bankenrettungen in zukünftigen Krisen dennoch nicht ausschliessen”.

This [. . .] has led to renewed debates on how to further
regulate global banks. (S. 5)

“Neue Debatten über weitere Regulierungen”. Jo, viel hilft viel!

Increasingly, doubts have been raised on the reliability of the internal models which banks use
to compute their risk-weighted assets (RWAs). (S. 5)

RWA sind die “risikogewichteten” Vermögenswerte der Bank. Hier zeigt sich die SNB überraschenderweise überrascht 😉 , dass die Banken sehr kreativ waren in gerade dieser “Gewichtung”. Die Kalkulationsbasis aller Eigenkapitalhinterlegungen ist im hohen Masse (von den zu Regulierenden selbst) beeinflussbar? Er ist der wichtigste Indikator aller Regulation. Da hätte ich mehr Aufregung erwartet.

In particular, they have to ensure that changes in RWAs over time, and differences in published RWAs between institutions, can be explained and economically accounted for. (S. 5f)

Nochmals: Ausdruck des in der Einleitung geschriebenen Trendes…

And of course all of this needs to be on a global scale. Bail-in’s need to be

“mutually recognised by foreign authorities. [. . .] recovery plans for our big banks are being developed in close collaboration with the foreign regulatory authorities (S. 6)

Der Fluchtpunkt dieser Entwicklung ist klar für jedermann zu erkennen: Eine globale, zentralisierte Bankenregulierung (Global Monetary Authority [GMA]). Die institutionellen Köperschaften dazu gibt es ja schon, oder sind am Entstehen.

Und auch an Anruf an die akademische Ökonomie fehlt nicht:

This situation is an example of the fundamental identification difficulty pertaining to the analysis of the financial cycle. Further academic advances in the development of new tools to help identify cyclical risks would be highly welcome. (S. 6)

Fluchtpunkt hier: Der Ökonome von morgen, ein Zentralplaner ;-).

Meine Empfehlung für Fortschritte: Mal die neo-klassischen/neo-keynesianischen Modelle sein lassen und sich von den Circuitists (z.B. Godley & Lavoie, 2012), Schumpeterianer (z.B. Messori, 2005, Schumpeter, 2008) und Agent-Based-Pure-Credit Modelling (z.B. Dosi et. al., 2013) inspirieren lassen. Achja und nicht zu vergessen: Lastwagenladungen von Moral-Hazard und Institutional Economics Literatur (z.B. Rose, D., 2011). Wie bindet (“comitted”) man den rationalen Menschen/Banker?

Sodann endet Danthine mit einem Ausblick was die Antwort auf ein Versagen all dieser vielen neuen Regulationen wäre:

“[. . .]being ready to take further regulatory measures, if the hopes of a soft landing are not fulfilled” (S. 6)

Ja der Leser hat’s schon geahnt: Noch mehr davon!

Fazit: Es sind privatrechtliche Banken. De-facto kartellisiert und verfassungsrechtlich geschützt. Durchreguliert via SNB und FINMA und seit neustem immer mehr direkten, sog. “diskretionären” Eingriffsrechten des Bundesrates et. al. (“makroprudentielle Massnahmen”) ausgesetzt. Die Bankpolitik jeder Geschäftsbank muss gemeldet und gerechtfertigt werden, Kredite werden quasi nach Reglement vergeben. Wenn sie es übertreiben, muss der Regulator eingreifen. Natürlich gilt der Umkehrschluss: Tut der Regulator das nicht, wer ist Schuld? Bereitschaft zum Auskaufen hat er angekündigt. So ist die Verantwortung immer mehr bei den Zentralbehörden. Diese steuern immer wirkmächtiger die Volkswirtschaft via den regulatorischen Ermächtigungen. Und jede Krise wird nach neuen schreien…

Stellt sich zum Schluss die spannende Frage: Warum Banken eigentlich nicht gleich ganz verstaatlichen? Warum den Antlitz des Privaten und Marktlichen erhalten?

– JAS


Bibliografie:

Dosi, G.; Fagiolo, G.; Napoletano, M.; Roventini, A. (2013): Income distribution, credit and fiscal policies in an agent-based Keynesian model. In: Journal of Economic Dynamics and Control 37 (8), S. 1598–1625.

Godley, W.; Lavoie, M. (2012): Monetary economics. An integrated approach to credit, money, income, production and wealth. 2nd ed. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

Messori, M. (2005): A Schumpeterian Analysis of the Credit Market. Department of ‘Scienze Politiche’, LUISS University. Rome.

Rose, David C. (2011): The moral foundation of economic behavior. New York: Oxford University Press.

Schumpeter, J. A. (2008): Das Wesen des Geldes. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Tagged , , ,

2 thoughts on “Zukunft Schweizer Bankenregulierung richtig eingeordnet…

  1. […] Grenzen zu “absichtlicher” makroökonomischer Steuerung (Geldpolitik schlechthin, Rechnungslegungsstandards oder makroprudentielle Massnahmen) zu verstehen. Mal schauen wie es beim Golde […]

  2. […] In part, this fear was motivated by political rivalry between states and the fear that, if unchecked, New York would control the rest of the country through its strong banks” (p. […]

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *