Konjunktur, Wachstum und Entwicklung im Wissenschaftsverständnis

Seit letzten Mittwoch hat die USA rund 500 Milliarden mehr Sozialprodukt (BIP). Dies aufgrund einer technischen Änderung der Berechnungsmethode. So werden nun v.a. immaterielle Güter neu als Investitionsgüter anstatt Vorleistungen berücksichtigt. Komischerweise (im Wortsinn), werden jetzt z.B. Ausgaben für Filme und lang laufende Fernsehserien wie “Seinfeld” (oder Simpsons?) zum Investitionsgut erklärt. Diese Massnahme alleine fügt dem BIP rund 70 Milliarden hinzu[1].

Dieser Anlass wirft wieder einmal (1,2) Licht auf eine ganz dunkle Stelle der Ökonomie: Die Messung derjenigen Zahlen, die wir dann auf Nachkommastellen genau voraussagen (und später – wie jetzt – in extremis bis zu 80 Jahre zurück gehend revidieren). Das betroffene BIP gilt im Allgemeinen als wichtigste ökonomische Kennziffer und unterliegt eben neben einer ganzen Reihe von Messungenauigkeiten auch purer Buchhaltungsabmachungen. Durch die Änderung der Berechnungsweise wird wieder in Erinnerung gebracht, wie technisch abstrakt diese Variable “BIP” eigentlich ist. Wachstum letztendlich nur eine Buchhaltungssache?

Das Spannende an diesem heute so alltäglichen Wort “Wachstum”, ist vorerst m.E. zweierlei: Erstens, dass es ein relativ neuer Begriff ist, der erst seit der Keynesianischen Revolution durchgehend Einzug gehalten hat. Zweitens führte dies dazu, dass das BIP, welches üblicherweise mit Wachstum gemeint ist, eine ausgeprägte, typisch keynesianische, konsumptive Konnotation trägt. Was sich als Sozialprodukt im Namen ziert, ist bei genauerem Hinschauen eigentlich die Gesamtkonsumption. In toller Art hat dies kürzlich bawerk.net dargelegt.

Ich werde den Anlass dazu nutzen, um den Fokus auf die Begrifflichkeiten zu lenken. Schumpeterianer und andere “Österreicher” bevorzugen den Begriff der “Entwicklung” anstatt “Wachstum”. Es folgt ein längerer Beitrag zu den Begriffen Konjunktur, Wachstum und Entwicklung.

Die Kernaussagen in der Übersicht:

  1. Konjunktur wird heute vielfach als rein abstrakt statistisches Problem der Wachstumszeitreihe (BIP/Sozialprodukt) gesehen.
  2. Wachstum ist nicht zu verwechseln mit Entwicklung. Wachstum entspringt einem anderen Geiste..
  3. Bis zur keynesianischen Revolution gab es keine Dominanz des Wachstumsbegriffes über den Entwicklungsbegriff in der Ökonomie.

Der Artikel sollte mit wenig Vorraussetzungen zu verstehen sein. Er orientiert sich an den üblichen “Schulwahrheiten” der Ökonomie. Ich beschreibe Ansichten und typische Arten des Denkens in der aktuellen Ökonomie über die genannten Begriffe. Wo TES ansonsten allgemeine Paradigmen kontrovers betrachtet (1,2), behalten wir diese bei diesem Beitrag ganz bei, um v.a. den Begriff der “Entwicklung” zu etablieren.


„Konjunktur“, „Wachstum“ und „Entwicklung“ im Wissenschaftsverständnis

Im Abschnitt 1 wird Wachstum mit Konjunktur betrachtet. Nachdem wir Konjunktur als weitestgehend statistisches Identifikationsproblem zu Wachstum erkannt haben, folgt im Abschnitt 2 die Gegenüberstellung des Wachstumsbegriff zum Entwicklungsbegriff. Abschliessend vertiefen wir ihre Betrachtung (Abschnitt 3) in eine wirtschaftsgeschichtlich interessante Dimension: Die unterschiedlichen Begriffe (Wachstum & Entwicklung) offenbaren unterschiedliche Auffassungen über die Ökonomie als Wissenschaft.

1. „Konjunktur“ als Identifikationsproblem des „Wachstums“[2]

Der Begriff der „Konjunktur“ bereitet vorerst ein riesiges Identifikationsproblem. Betrachtet man (wie üblich) die Zeitreihe des BIP-Wachstums, ist es nicht ohne weiteres möglich darin Konjunktur und Wachstum zu unterscheiden. Selbst wenn man Konjunktur als „kurzfristige“ Wachstumsschwankungen definiert, wird man diese so nicht in der Zeitreihe „entdecken“. Dafür muss man zuerst eine Annahme darüber machen, wann die kurze die lange Frist ablöst. Wie immer man also Konjunktur- und Wachstumskomponente auseinanderhalten will, braucht es zuerst theoretische Annahmen darüber. Nachfolgend sollen die typischen Annahmen der Ökonomen vorgestellt werden. Alle sogenannten “Erklärungshypothesen” lassen sich als Erklärungen über drei Komponenten der Wachstumszeitreihe betrachten: Ein Wachstumstrend, eine zyklische Variable (welche langfristig zum Trend zurückkehrt) und eine Zufallskomponente (Residual).

1.1 Die Normalwachstumshypothese

Mit der Normalwachstumshypothese wird angenommen, dass Wachstum langfristig einer konstanten Rate folgt. Diese Hypothese ist Kern der im üblichen Ökonomiestudium vermittelten, typischerweise neo-klassischen /neo-keynsianischen Standard-Modellen. Der “Standard” in Kürze erklärt: Das BIP wächst grundsätzlich im Gleichgewicht (sog. “steady-state”) mit ihrer natürlichen Rate (gegeben durch technischen Fortschritt). Exogene (äussere) Shocks „erklären“ kurzfristige Abweichungen von der natürlichen Wachstumsrate. Diese Abweichungen werden als Konjunktur gedeutet. Ein Beispiel dafür ist ein linearer Trend in den Wachstumsraten der sich wie folgt modellieren liesse (siehe auch Abbildung 1):normalwachstum

Es ist kennzeichnend für diese Hypothese, dem Wachstumsprozess Stabilität und langfristige Konstanz zu unterstellen. Die Konjunktur ist nicht ein selbst gearteter (strukturierter) Prozess, sondern just das statistisch unerklärte Residual.

1.2 Strukturbruchhypothese

Diese Erklärungshypothese beruft sich auf verschiedene Phasen des Wachstums, welche eine Gesellschaft durchläuft. Jede dieser Phasen ist eher als sozio-kulturelle Entwicklung (siehe auch Kapitel 2.2) zu verstehen, denn als „identisches Erkenntnisobjekt“ (Metz, 2002, S. 33). Dies bedeutet, dass Wachstum als Aspekt einer breiteren gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet wird. Veränderungen in der sozio-kulturellen Struktur erklären die Veränderungen in der Produktionsentwicklung und somit schliesslich dem Wachstum. Beispielsweise kann eine Wachstumsphase durch die steigende Spezialisierung, eine zweite durch unternehmerische Innovation und eine dritte durch einen verbessernden institutionellen Rahmen geprägt sein. Dies ergibt verschiedene Wachstums- und Konjunkturdynamiken für die drei Phasen. Diese deutlich reichere Ansicht zum Wirtschaftsprozess ergibt eine bessere mikroökonomische Fundierung des beobachteten Wachstums und dadurch die Fähigkeit damit das Beobachtete gehaltvoll zu deuten. Allerdings ist die Erhöhung der Komplexität nicht kostenlos: Einerseits verschiebt sich nun die Problematik darauf hin, Strukturbrüche richtig zu identifizieren (was wegen der sozio-kulturellen Natur ungemein anspruchsvoll ist). Andererseits kann eine zeitlich beschränkte Normalwachstumshypothese die Strukturbruchhypothese genauso statistisch modellieren (siehe Abbildung 2).

1.3 Wellenhypothesen

Zu den Wellenhypothesen gehörte eine ganze Reihe von Theorien über sogenannte „Lange Wellen“. Essentiell dabei ist bei allen zu dieser Hypothese gehörenden Theorien ein spezifische Struktur des Wachstums: Das Aufkommen und Durchsetzen von Innovationen im Wirtschaftsprozess. Langfristige und kurzfristige Wachstumsschwankungen („Konjunktur“) sind der Überlagerungen von Innovationen schuldig. Joseph Schumpeters Entwicklungskonzept (1934 [1912], 1961 [1939]) sieht sich genau in diesem Geist und stützt sich auf die Annahme überlagernder Innovationszyklen.

Statistisch ist die Wellenhypothese deutlich anspruchsvoller als Normal- oder Strukturbruchhypothesen. Sucht man nach überlagernden Wellen, tut sich ein breites Feld statistischer Probleme auf. Diese zu beseitigen, war lange Zeit ein dominierendes Thema in der “Wachstumsforschung” und ist es immer noch[3]. Zusammenfassend kann man das statistische Problemfeld zweierlei teilen: Erstens in Ansätze, die sich damit beschäftigen den richtigen Filter und dessen Kalibrierung für eine Zeitreihe zu finden (z.B. gleitende Schnitte, Polynome, Hodrick-Prescott-Filter). Andererseits der Versuch in jüngerer Zeit Wellen mit stochastischen Trends (Identifizierung z.B. mit Hilfe von Unit-Root-Tests) zu vereinen.

Trotz ausführlicher Forschung an Langen Wellen, bleibt das Fazit dennoch uneinheitlich: Statistisch gesehen bleibt ihre Identifikation problembehaftet, sodass die Theorie empirisch nach wie vor nicht befriedigend abgestützt werden kann. Es bleibt zu befürchten, dass Lange Wellen nur statistische Artefakte sein könnten, verursacht durch verschiedentliche Glättungen von Zeitreihen. Andererseits bleibt die Faszination aus zwei Gründen gross: Erstens bietet der zugrunde liegende Mechanismus (Verbreitung von Innovation) eine theoretische Struktur des Wachstumsprozesses. Dies ist ein grosser Vorteil, da eine solche Struktur bekanntlich bei der Normalwachstumshypothese nicht und bei der Strukturbruchhypothese nur verbunden mit hoher Komplexität vorhanden ist. Daher lassen sich mit der Wellenhypothese erstmals wirtschaftspolitische Implikationen ableiten. Andererseits ruht die Faszination auch in verschiedenen, erfolgreichen Vorhersagen von Strukturbrüchen, wie z.B. der permanente Einbruch des westlichen Trendwachstums seit den 1970er Jahren (vgl. Metz, 2002, S. 39).

1.4 Stadienhypothese

Die Stadienhypothese hat eine Gesellschaft vor Augen, welche verschiedene vorgezeichnete Stufen der Entwicklung durchläuft. Sie geht zurück bis auf Karl Marx ist aber nicht an den Marxismus gebunden wie z.B. Walt Rostow (1960) zeigt. Bei Rostow durchläuft jede Gesellschaft fünf Stufen der Entwicklung, von der traditionalen Gesellschaft über einen take-off-Prozess, hin zu Massenkonsum. Diese Epochen sind jeweils geprägt durch typische, wirtschaftliche Strukturen. Deswegen könnte man bei den Stadienhypothesen eine hohe Prognosetauglichkeit erwarten, da sie die massgeblichen Entwicklungen schon voraussagen. Allerdings bergen Sie wenig Aussagekraft zu kurzfristigeren Schwankungen innerhalb des jeweiligen Stadiums. Dies macht es schwierig Konjunktur zu deuten.[4]

Wenn man Marx nicht folgen mag, dass der Kommunismus die Massenkonsumgesellschaft ablöst, stellt sich zudem die Frage, was nach dem Rostow’schen letzten Stadium folgt.

1.5 Stochastisches Wachstum

Ein radikaler Bruch mit den vorangegangenen vier Erklärungshypothesen läutete die wegweisende Arbeit von Nelson und Plosser (1982) ein (vgl. Snowdon und Vane, 2006, S. 299ff). In ihrer Arbeit testen Sie die Wachstumszeitreihe mit dem Unit-Root Test (“Einheitswurzeltest“). Dabei konnten Sie die Hypothese, dass das Wachstum einer reinen Zufallsbewegung folgt nicht verwerfen! Dieser Zufallsprozess lässt sich wie folgt beschreiben:

Fig3_stochastisch

Schocks werden akkumuliert und führen zu einer permanenten Veränderung der Wirtschaftsleistung. Wachstum ist gar nichts anderes mehr, als die Kumulation aller vergangenen Schocks[5]! Wenn Wachstum einem Zufallsprozess folgt, bedeutet dies, dass die Aufgliederung in Konjunktur und Trend sinnlos ist. Der Zufall als dritte Komponente wird zur wesentlichen ernannt. Was so aussieht wie zyklische Abweichungen um einen Wachstumstrend herum, sind mit dieser Hypothese das Resultat einer Serie von permanenten Schocks. Jeder einzelne definiert einen Wachstumspfad. Dies bedeutet, dass die Stabilität des Wachstums nicht gewährleistet ist und Wirtschaftspolitik sinnvoll sein kann, beispielweise, um einen höheren Wachstumspfad zu “wählen”.

2. „Wachstum“ im Vergleich zu „Ent-Wicklung“

Im Verlauf des Kapitels 2.1 wurde ersichtlich, dass Konjunktur in einer Zeitreihe nicht ohne weiteres von Wachstum unterschieden werden kann. Vielmehr braucht es eine irgendwie geartete Annahme über die Struktur von „Wachstum“ oder „Entwicklung“. An dieser Stelle soll nun der unterschiedlichen Begrifflichkeit mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, wurden Sie doch vorerst zu Unrecht gleich verwendet.


Abbildung 3 veranschaulicht die unterschiedlichen Naturen der Begriffe „Wachstum“ und „Entwicklung“. Wachstum ist vorerst nicht mehr, als die Veränderung einer Variablen im Zeitverlauf, wobei im wirtschaftlichen Kontext zumeist das Sozialprodukt (BIP) gemeint ist. Damit ist die Veränderung dieser Variable per se nichts als ein Aspekt einer womöglich breiteren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. So kann beispielsweise die Anzahl Blätter oder Stilhöhe der Pflanze als Wachstumsvariable angeschaut werden. Die eigentlichen Kräfte und die Gesamtheit der Entwicklung der Pflanze zu verstehen, ist dabei aber nicht im Fokus der Betrachtung. Der Begriff der Entwicklung steht hingegen für die umfassende Veränderung des Phänomens „Pflanze“ im Zeitverlauf (vom Setzling zum Baum). In der Ökonomie meint damit „Entwicklung“ die umwälzenden Veränderungen welche alle Aspekte des menschlichen Zusammenlebens durchdringt. Die in Abbildung 4 gezeigte Videotelefonie hat beispielsweise den Umgang unter Menschen (und damit u.a. die ökonomische Sphäre) grundlegend geändert. Diese qualitative Veränderung vermag der Anstieg der Variable „BIP-Wachstum“ um 2% nicht vermitteln. Das ist genau, was Joseph Schumpeter meinte mit “man vermehre die Postkutschen soviel man will, nie erwächst eine Eisenbahn daraus” (1934, S. 64). Man verpasst etwas Mächtiges und ökonomisch Relevantes, wenn man via Geldgrössen / BIP die Eisenbahn als ein Vielfaches von Kutschen betrachtet. Analoges geschieht, wenn wir heute Aussagen treffen wie, dass wir x-fache Medianeinkommen als frühere Generationen haben. Vorangegangene Generationen hätten auch beim x-fachen Einkommen kein Skype-Chat führen können. “Wachstum” von etwas (Einkommen, Ausgaben für Postkutschen, Videotelefonie, etc.) ist eben nur Aspekt einer viel breiteren sozio-kulturellen Entwicklung. Diese kann viel durchdringender (oder weniger) sein, als uns einseitige Variablen suggerieren. Beispielsweise kann das 2% BIP-Wachstum durch Telefonie eine total unterschiedliche Art des Umgehens der Menschen untereinander bedeuten (Telefon ersetzt persönliche Gespräche, etc.),oder, dass nun plötzlich Geschäfte am anderen Ende des Planeten möglich werden. Letzteres ist was passiert, die 2% eine Variable (von vielen) die sich in diesem Prozess verändert. Ein anderes Beispiel wäre eine Krankheit die vom Körper bekämpft wird (was vor sich geht). Die Messung des Körpertemperaturanstiegs (“BIP”) auf über 38° (Fieber) ist nur eine von vielen Variablen, die Hinweise auf diesen vielseitigen, dahinterliegenden Prozess im Körper gibt. Es gibt sicher auch irgendwelche Werte die sinken während dieser Entwicklung. Man spricht aber der Körpertemperatur (“BIP”) aus theoretischen Überlegungen eine gewisse Wichtigkeit zu.

3. Unterschiedliche Begrifflichkeiten als Reflexion des Wissenschaftsverständnisses

Die obigen Einsichten offenbaren einen tiefen Unterschied im Verständnis der Wachstums- oder eben Entwicklungsforschung. Mit “Wachstum” wird ein sehr technisches, abstraktes Verständnis offensichtlich. Zeitreihen können verglichen und universale statistische Gesetzmässigkeiten gefunden werden. Diese erlauben es Zeitreihen zu modellieren (und in zu einem gewissen Masse prognostizieren). Hingegen ist der Begriff der Entwicklung ein historischer. Im Vordergrund steht das Verständnis des betrachteten Phänomens, nicht seine Wirkungen (vgl. Bruch et al., 2006, S. 323; Schumpeter zit. in Shionoya, 2001, S. 138). Menschen folgen in ihren Handlungen nicht naturwissenschaftlichen Gesetzen, sondern können Ihr Verhalten verändern. Eine prinzipielle Vergleichbarkeit zweier Zustände wird deswegen abgelehnt. Hinter diesen (hier stilisierten) Auffassungen steht ein langer Streit der Methoden und Ziele der Ökonomie. Abschliessend sollen die drei einflussreichsten Diskussionen und Wegpunkte dieser Veränderung in der Wissenschaft der Ökonomie vorgestellt werden:

3.1 Der Methodenstreit der Nationalökonomie

Ende des 19. Jahrhunderts war die volkswirtschaftliche Lehre noch unzertrennbar von der Geschichtswissenschaft. Wegweisend für das Rollenverständnis von Wirtschaft und Gesellschaft war Gustav von Schmollers sogenanntes Forschungsprogramm. Die Volkswirtschaftslehre sei durch historisch-empirische Studien voranzutreiben mit dem Ziel, sie einem gesellschaftlichen Ideal der Zeit zu unterstellen[6]. Dabei ist der Erkenntnisgegenstand sehr breit zu verstehen: Wirtschaften ist Teil eines sozio-kulturellen Ganzen. Dies lässt sich an den Worten von Schmollers veranschaulichen:

Die Volkwirtschaft ist ein staatswissenschaftlicher Kollektivbegriff. Es handelt sich um eine Gesamterscheinung die auf der menschlichen Tätigkeit beruht, und die zugleich von den menschlichen Gemeinschaften ihren Stempel empfängt (Schmoller zit. in Ziegler, 2008, S. 93).

In dieses Forschungsklima hinein platzt 1883 Carl Mengers Schrift „Untersuchungen über die Methoden der Sozialwissenschaft und der politischen Ökonomie insbesondere“. Menger macht sich für ein theoretischeres Herangehen an volkswirtschaftliche Zusammenhänge stark. Das beantwortet der etablierte von Schmoller mit negativen Rezensionen. Der Geist Mengers zum Wesen der theoretischen Methoden wird im folgenden Zitat offensichtlich:

Das Wesen dieser [. . .] besteht darin, dass wir die Menschheitsphänomene auf ihre ursprünglichsten und einfachsten constitutiven Factoren zurückführen, an diese letzteren das in ihrer Natur entsprechende Mass legen und endlich die Gesetze erforschen suchen, nach welchen sich aus jenen einfachsten Elementen, in ihrer Isolirung gedacht, complicirtere Menschheitsphänomene gestalten (1883, S. 43).

Die Auseinandersetzungen zwischen Schmoller und Menger gehen als sog. “Methodenstreit” in die Wirtschaftsgeschichte ein. Das abschliessende Fazit des Methodenstreits ist durchmischt. Die beiden Kontrahenten teilten inhaltlich auch sehr viele Dinge und zeigten beide ein Verständnis für die historische Komplexität des Betrachteten (vgl. Schneider und Watrin, 1973, S. 137ff). Schumpeter[7] geht sogar so weit, den Streit grundlegend auch auf die Herausforderung des etablierten Gustav von Schmollers durch den jungen Menger zurück zu führen (1967, S. 814f) und stuft die inhaltliche Wichtigkeit nicht zu hoch ein. Viel wichtiger, ja geradezu wegbahnend war der Streit aber für den Beginn der Entwicklung der Ökonomie als eigenständige, theoretisch orientierte Wissenschaft. Dort wird dem Methodenstreit auch üblicherweise seine pivotale Rolle in der Geschichte der Ökonomie zugeordnet. Dennoch, trotz einem vermehrt theoretischen Herangehen, blieben auch nach dem Methodenstreit die Begriffe der Entwicklung Standard in der deutsch-österreichischen Ökonomie – den Forschungszweck, das Verstehen des Gesamtphänomens “Kapitalismus”, teilten sie. Begrifflich blieb e dementsprechend auch nach dem Methodenstreit alles beim Alten.

3.2 Keynesianische Revolution

Die Emanzipation der theoretischen Ökonomie nach dem Methodenstreit war beflügelt durch den Grenznutzengedanken. Die klassische Arbeitswertlehre wurde durch die 1871-1872 von Menger, Jevons und Walras initiierte Grenzwertlehre ersetzt. Dies führte zu einer regelrechten “marginalen Revolution”, wobei die theoretische Ökonomie sich von wirtschaftspolitischen Fragestellungen, hin zu mikroökonomischen Fundierung (methodologischer Individualismus) zu fokussieren begann (McCraw, 2009, S. 44.). Der Wachstumsfrage schien dabei durch das Say’sche Theorem genug Sorge getragen und zwar in dem Sinne, dass die individuellen Handlungen auch in der Summe in Stabilität von Angebot- und Nachfrage münden (Söllner, 2001, S. 190). Diese Phase wurde in der Weltwirtschaftskrise erst 1936 durch John M. Keynes „General Theory“ beendet, welche das Say’sche Theorem aufgab und eine nicht mikro-fundierte Wachstums- und Konjunkturtheorie (ja Krisentheorie) präsentierte. Nach Keynes führt eine strukturelle, dem Kapitalismus immanente, Unterkonsumptionsneigung immer wieder zu Absatzkrisen. Erst eine wirtschaftspolitische Überwindung dieses Prozesses durch Fiskal- oder Geldpolitik führt zu langfristigem, stabilem Wachstum. Keynes‘ Werk fand sofort hohe Aufmerksamkeit und leitete einen Paradigmenwechsel in der Ökonomie ein, die sogenannte “Keynesianische Revolution”. Es fand eine allgemeine Refokussierung auf Themen des Wachstums- und Konjunkturtheorie statt, wobei sich der technische Begriff des Wachstums (von volkswirtschaftlichen Aggregaten) gegenüber dem Entwicklungsbegriff durchsetzte. Keynes ist letztendlich geistiger Vater der heute so üblichen Verwendung des Wachstumsbegriffs sowie dessen inhaltlicher Bedeutung (Wachstum des Konsums). Der Ausbau von Keynes‘ Gedanken versprach, die nachhaltige makroökonomische Steuerung der Volkswirtschaft im Sinne der Gesamtwohlfahrt bald verstanden zu haben. Ein Schwächung dieser Idee fand erst in den 1970ern durch zunehmende Unwirksamkeit von Fiskal- und Geldpolitik und mit dem Aufkommen der „rational-expectations“-Theorien (Robert Lucas) ihr Ende – allerdings ohne Änderungen an den Begrifflichkeiten.

3.3 Stochastische Revolution

Ein letzter grosser Schub in der Wachstumsforschung begann mit der Betrachtung von Wachstum als Zufallsprozess (durch die Arbeiten von Nelson und Plosser, 1982). Diese radikal andere Sicht auf den Wachstumsprozess ist in Kapitel 1.5 ausführlicher dargelegt. Dies bedeutete die Abkehr von neo-keynsianischen/neo-klassischen Gleichgewichtsmodellen, welche nach Shocks wieder zur Stabilität finden. Anstatt dessen wird wirtschaftliches Wachstum als Akkumulation von vorgegangenen Shocks verstanden. Die Stochastische Revolution führte zu einer noch akzentuierteren “Degradierung” des Wachstumsbegriff hin zu einer rein statistische/mathematische Betrachtung einer Zeitreihe (BIP-Wachstum) ohne Fokus auf historische Entwicklungen (und ökonomischer Theorie).

– JAS


I. Fussnoten

[1] Eine Übersicht welche Zeitreihen betroffen sind und nun bis 1929 zurückkorrigiert werden, findet ihr hier: GDP revision

[2] Dieses Kapitel ist angelehnt an Metz, R. (2002 und 2008).

[3] Für technisch Interessierte verweise ich auf Metz, R. (2008)

[4] Die Marx’sche Krisentheorie könnte Konjunktur (im Sinne von immer häufiger auftretenden Profit-Krisen) erklären. Seit der grundlegenden Kritik der Arbeitswertlehre (z.B. durch Böhm-Bawerk) und der „marginalen Revolution“ im beginnenden 20. Jahrhundert, ist dies aber (zumindest in der Ökonomie) nicht mehr von Interesse. Weiterführend zum Marx’schen Verständnis von Konjunktur sei Schumpeters kurzer Beitrag empfohlen (1967, S. 1131)

[6] Mit Shocks meinen Nelson und Plosser technologische Veränderungen

[7] Dabei dachte Schmoller vor allem an die Lösung der „sozialen Frage“, welcher er die Klassiker als unfähig ansah.

[8] Schumpeter plädiert für Methodenvielfalt. Der „Zweck“, auf den sich die Forschung beziehen soll, bleibt im schmollerschen Sinne zeitlebens „nicht theoretisch begreifbare und gesetzlich zu definierende ökonomische Prozesse, sondern die Totalität der verstehbaren Kulturerscheinungen“ (Bruch et al., 2006, S. 323).

II. Bibliographie & Verzeichnisse

Literatur

Bruch, R., Hofmeister, B. & Liess, H. (2006). “Gelehrtenpolitik, Sozialwissenschaften und akademische Diskurse in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert”. Stuttgart: Franz Steiner.

Janssen, C. (1997). Lange Wellen – Empirie und Theorie: Eine kritische Untersuchung. Berlin: Wissenschaft & Forschung.

McCraw, T. (2009). Prophet of Innovation: Joseph Schumpeter and Creative Destruction. Cambridge: Massachusetts & London: Belknap.

Metz, R. (2002). Trend, Zyklus und Zufall: Bestimmungsgründe und Verlaufsformen langfristiger Wachstumsschwankungen. Stuttgart: Franz Steiner.

Metz, R. (2008). Auf der Suche nach den Langen Wellen der Konjunktur. Stuttgart: Franz Steiner.

Rostow, W. (1960). The Stages of Economic Growth: A Non-Communist Manifesto. Cambridge: University.

Snowdon, B. and Vane, H. (2006). Modern Macroeconomics: It’s Origins, Development and Current State. Cheltenham: Edward Elgar.

Schneider, H. und Watrin, C. (Hrsg.). (1973). Macht und ökonomisches Gesetz. Berlin: Duncker & Humblot.

Menger, C. (1883). Untersuchungen über die Methoden der Sozialwissenschaft und der politischen Ökonomie insbesondere. Leipzig: Duncker & Humblot.

Ziegler, B. (2008). Geschichte des ökonomischen Denkens: Paradigmenwechsel in der Volkswirtschaftslehre (2. Aufl.). München: Oldenbourg.

Schumpeter, J.A. (1934). Theory of economic development. Harvard University Press, Cambridge.

Schumpeter, J.A. (1961). Konjunkturzyklen (Bd. I). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schumpeter, J.A. (1967). History of economic analysis. 6. Aufl. London: Allen & Unwin.

Shionoya, Y. (Ed.). (2001). The German Historical School: The historical and ethical approach to economics. New York: Routledge.

Söllner, F. (2001). Die Geschichte des ökonomischen Denkens (2. Aufl.). Berlin: Springer.

Spree, R. (1991). Lange Wellen wirtschaftlicher Entwicklung in der Neuzeit. In Historische Sozialforschung (Bd. IV). Köln.

Abbildungen

Abb. 1: Metz, R. (2008). Auf der Suche nach den Langen Wellen der Konjunktur. Stuttgart: Franz Steiner. S. 330.
Abb. 2: Metz, R. (2008). Auf der Suche nach den Langen Wellen der Konjunktur. Stuttgart: Franz Steiner. S. 336.
Abb. 3: http://www.cortexconsult.de/joomla/images/stories/Wachstum_Baum.jpg
Abb. 4: http://www.news.ch/Skype+integriert+Facebook+in+Video+Chat/528206/detail.htm

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  1. […] Das gilt für alle wichtigen Zinsen, alle wichtigen Rohstoffe & alle wichtigen Messgrössen wie Konsumgüterpreise (Inflation) und darum auch BIP, Arbeitslosigkeit, […]

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