Unerwartet: Brennende Autos in Schweden

Schweden. Für viele Schweizer der Stereotyp einer heilen, prosperierenden Gesellschaft. Gerade wieder wurde das skandinavische Land  durch den TA als Vorbild für Toleranz herangezogen.

Nun erreicht uns Überraschendes aus Schweden: Brennende Autos im sonst eher französischen Stile (dort sind über 1000 angezündete Autos in der Silvesternacht und ein Polizeieinsatz von 50’000 Polizisten bereits normal – klick). Im Folgenden einigende Gedanken zu den schwedischen Randalen und zur Schweizerischen Situation anhand des FAZ Artikels.

Das Ausmass:

In der Nacht zum Mittwoch brannten wieder Autos und Mülltonnen, Fenster zerbarsten, und Steine flogen auf Polizisten. Es war die dritte Krawallnacht in Folge

Wo waren die Krawalle und was ist die jüngere Geschichte des Ortes:

Husby liegt kaum 30 U-Bahn-Minuten vom Amtssitz des schwedischen Ministerpräsidenten entfernt im Nordwesten von Stockholm. Es ist einer dieser Stadtteile, die in den siebziger Jahren rasant wuchsen, als es im Zentrum nicht mehr genug bezahlbare Wohnungen für alle gab

Ich mag mich an ein zweistündiges Update bei der CreditSuisse durch einen dänisch-schwedischen Analysten im Sommer 2011 erinnern. Dort wurde mir zum ersten Mal die ökonomischen Grundlagen der schwedischen Erfolgsstory klar. Mit einem Wort: Günstiger Kredit. Schweden hat seit den 90ern einen wahnsinnigen Immobilienboom (Kreditboom) gesehen. Die Entschuldung des schwedischen Staates in den 90ern wurde mit der Verschuldung im Hypothekenmarkt überkompensiert. Irgendein ökonomischer Akteur muss sich ja für eine immer mehr expandierende Geldmenge (gegeben durch Inflationsziel der Riksbank) auch immer mehr verschulden – in Schweden haben die Privaten Hypothekenschuldner das abgebaute Schuldenvolumen des Staates locker absorbiert. Ich könnte hier sicher noch eindrückliche Charts ausgraben. Durch die Finanzkrise wurde der Boom nur noch mehr verstärkt. Auch heute erreicht Stockholm neue Rekorde. Ich wage hier sogar zu behaupten, es wäre auch der erste grössere soziale Aufstand gewesen, der nicht durch schnell und stark steigende Schlüsselpreise (z.B. Nahrung in Nordafrika / “Arab Spring”; Importgüter in London 2011) verursacht worden ist.

Der Tropfen der das Fass in Stockholm zum Überlaufen gebracht hat:

Der konkrete Auslöser der Unruhen soll der Tod eines 69 Jahre alten Mannes gewesen sein, den die Polizei in Husby in Notwehr erschossen haben soll.

Und nur hier ist es, wo wir über Umwege etwas über die Randalierenden erfahren:

Auch bei den Krawallen sollen die Polizisten zu rabiat vorgegangen sein. Menschen sollen sie als „Affen“ und „Neger“ beschimpft haben.

Im gesamten FAZ-Bericht wird nur zögerlich vom Migrationshintergrund o.ä. gesprochen. Ausdruck eines auch in der Schweiz präsenten und bröckelnden Gesinnung. Politisch-korrekt (und dem Wortsinn entsprechend also faktisch inkorrekt) geht die FAZ zeitgeistig über das Banale, die offensichtliche Mühe mit dem Fremden, hinweg. Dennoch schafft der Artikel es in lobenswerter Art, das kritische Problem aufzuzeigen: Segregation – und dies überraschenderweise im so “toleranten” Schweden.  Immerhin reichte es für so etwas in der Schweizerischen Qualitätspresse (noch?) nicht.

Als ein Problemviertel gilt Husby schon lange. Der Schwedische Rundfunk zitierte eine Kommunalpolitikerin der Grünen: Husby sei „ein vergessener Vorort“, sagte sie. Die meisten Schweden haben das Viertel längst verlassen, mehr als 60 Prozent der Einwohner sind im Ausland geboren – der Durchschnitt im Land liegt bei 15 Prozent.

Dabei hat Schweden im Vergleich zur Schweiz mit ähnlichem Integrationsaufwand im Bereich Asyl und deutlich geringerem im Bereich der ordentlichern Zuwanderung (15 vs. 35 %) zu leisten.

Der FAZ-Artikel schreibt dem schwedischen Asylrecht eine entscheidende Rolle in seiner Segregationswirkung zu:

Das schwedische Asylrecht ermöglichte es ihnen fast ohne Einschränkungen, hinzuziehen, wohin sie wollten.

Dieses stand schon vor diesen Ausschreitungen unter Diskussion (mit einer erwarteten Verdopplung der Asylzahlen im 2013) und wird es nun wohl noch vermehrt werden. Dabei kann ich mich ob dem Tagesspiegel-Artikel nicht davor verwehren, Parallelen zur Schweizer Asyldiskussion zu finden. Meine Behauptung: Schweden wird die nächsten Jahre auch einen Wandel in der öffentlichen Diskussion der Einwanderung und im speziellen der Asylproblematik erleben. Dafür muss zuerst das öffentliche Denk- und Redeverbot fallen. Dies brauchte in der Schweiz meines Erachtens rund etwa 10 Jahre (ca. 1999 – 2007, um es in Legislaturperioden auszudrücken) und war begleitet durch den Aufstieg der SVP.

Das wirkende und problematische Element ist aber schlussendlich die Segregation. Das “Unter-sich”-Bleiben generiert abgeschottete Subkulturen.

So zogen viele in die Viertel, in denen schon ihre Verwandten, Bekannten oder Landsleute lebten. Es entstanden Viertel, in denen immer mehr Einwanderer geballt zusammenleben. [. . .] Aber auch in Stockholm gibt es neben Husby noch weitere solcher Stadtteile, die einst als Sprungbrett in die schwedische Gesellschaft dienten und nun für manche wohl vielmehr eine Endstation sind

Die Segregation glaube ich als Trend zu erkennen der langsam aber sicher auch in der Schweiz ankommt – wann waren Sie das letzte Mal in Zürich Schwamendingen oder Bern Bümplitz unterwegs? Ich durfte dort vor bereits etwa 7-8 Jahren ein Mal in einer Primar- & Mittelstufenschule einen Tag als Handlanger arbeiten und war mit meinem Schweizerdeutsch alleine auf dem Pausenplatz. Und ja, ich weiss, dies ist kein hinreichender Beweis für Segregation, aber doch notwendige Bedingung.

Ich glaube, was heute in der FAZ über eines der progressivsten und erfolgreichsten Ländern Europas steht, kann genau so gut in den nächsten zwei Jahrzehnten einmal in einer Schweizer Tageszeitung stehen:

Die Integration fiel dem Land trotz großer Anstrengungen immer schwerer. Als die Wirtschaft zu schwächeln begann, stieg die Arbeitslosigkeit – vor allem unter Jugendlichen – massiv an.

Wobei ich andererseits auch anmerken muss, dass, wie gesagt, in der Schweiz bereits über dieses Thema öffentlich diskutiert werden kann – und im Zweifel auch abgestimmt wie am 9. Juni. – JAS

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One thought on “Unerwartet: Brennende Autos in Schweden

  1. […] betrachtet. Gestern erschien eine Episode über Schweden. Das Intro liest sich praktisch 1:1 wie von TES inspiriert und behandelt die Themen der Segregation und der Einwanderung – speziell in Schweden, […]

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